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Erntedank auf der Milchstraße

Marei und Michael Borgmann leben mit drei Kindern, seinen Eltern und 500 Tieren auf ihrem Hof im Münsterland. Mit idyllischem Landleben hat das nicht mehr viel zu tun. Klima, Preisdruck, Vorurteile machen ihnen zu schaffen. Wofür sollten sie dankbar sein?

Das war eine verdammt knappe Kiste.“ Marei Borgmann (33) guckt der Schrecken noch immer aus den Augen, wenn sie an die letzten Monate zurückdenkt. Supersommer, Mallorcawetter im Münsterland, Tropenwerte im Thermometer: „Alles schön und gut“, sagt sie, „aber für unsere Familie und die 500 Kühe, Kälber, Rinder, Bullen war das der blanke Horror. Anfang Mai hatten wir den letzten Regen, das muss man sich mal vorstellen!“

Und davor sah es auch nicht besser aus. Ihr Mann Michael (40) rechnet vor: „Dezember und Januar waren völlig verregnet. Dazu Orkantief Friederike. Ende Februar, Anfang März kam der kalte Ostwind und brachte Minusgrade über Wochen. Da habe ich noch gesagt: Wetten, du kriegst keinen grünen Zweig ans Fahrrad für unsere Mai-Tour. Und dann auf einmal: wupp – warm, und so blieb das über Monate.“

Michael Borgmann ist waschechter Westfale. Will sagen: Es dauert, bis ihn etwas aus der Ruhe bringt. „Wir können froh sein, dass Michael so ein Optimist ist“, sagt seine Frau. „Der nimmt alles immer noch ganz locker, wo ich schon nicht mehr schlafen kann.“
Und er: „Ja nu, was willste machen? Im Juli, August – da fängste schon an nachzudenken: Wo kriegen wir Futter für die Viecher her und Wasser zum Saufen?“ Aber letztlich sei das nunmal so: „Es gibt trockene Jahre, und es gibt nasse Jahre. Da musste durch. Gibt ja keinen, auf den ich sauer sein könnte.“

Aber die Verantwortung für seine 500 Tiere, die nimmt er ernst. Dass er den Betrieb von seinem Vater übernahm, war für Michael nicht mal eine Entscheidung. „Ich konnte immer gut mit Tieren. Das muss man auch, sonst geht das nicht. Und dann war irgendwann klar: Jetzt mache ich das weiter, was meine Urgroßeltern hier angefangen haben.“ 1932 waren die aus Nordwalde gekommen und hatten den Hof in Laer im Kreis Steinfurt übernommen. „Sogar die große Jesus-Statue hatten sie mitgebracht“, sagt Marei. „Als wir gebaut haben, wollten wir die Figur eigentlich umsetzen, aber das kam nicht in Frage. Das bringt Unglück, hieß es.“ Also haben sie drumrum gebaut, und Jesus steht bis heute an der Hofeinfahrt vor ihrem modernen Einfamilienhaus. „Siehe hier das Herz, welches die Menschen so sehr geliebt hat“, lautet die Inschrift.
Auch Mareis Familie hat Wurzeln in der Landwirtschaft, sie selber aber hat an Münsters Uni­klinik ihre Ausbildung zur medizinisch-technischen Radio­logieassistentin gemacht. Seit Nele (5), Jule (3) und seit diesem Frühjahr auch Enno da sind, arbeitet sie nur noch einen Tag in der Woche in ihrem alten Beruf. „Ich wollte nie einen Bauern als Mann. Schon gar keinen Milchbauern – die müssen noch mehr arbeiten.“ Aber dann lernte sie Michael kennen, bei einer Party der Landjugend. „Da war die Liebe dann größer“, sagt sie und blickt ihren Mann lächelnd an. „Immerhin“, meint sie, „wenn man durch den Kuhstall läuft, kann man danach trotzdem noch unter die Leute, ohne dass es zu doll stinkt. Bei Schweinen geht das nicht.“

Michaels Vater kam noch mit 60 bis 80 Kühen hin. „Heute brauchst du das Doppelte und Dreifache, damit du über die Runden kommst.“ Damals habe es 64 Pfennig für den Liter Milch gegeben – heute sind es 30 Cent. „Da hat sich nichts verändert seit 30 Jahren“, sagt Michael. „Alle Preise steigen, nur der für Milch nicht. Das passt nicht zusammen.“

Dass an allem die Landwirtschaft schuld sei – „Gülle, Gift und pupsende Kühe“, wie Marei sagt – das ist das Eine. „Was mich richtig wurmt“, bekennt Michael: „Alle fahren mehrmals im Jahr in Urlaub, fliegen durch die Weltgeschichte, machen Kreuzfahrten, geben Geld für schicke Autos und das neueste Handy aus – aber Lebensmittel, die müssen billig sein.“ Da kommt er richtig in Rage. Und Marei auch: „Und dann hacken noch alle darauf rum, dass wir die EU-Prämie bekommen. Aber warum bekommen wir die? Damit ihr billig Lebensmittel kaufen könnt.“

Für dieses Jahr ist es noch mal gut gegangen auf dem Hof Borgmann an der „Milchstraße“, wie man die Gegend um Laer auch nennt, wegen der vielen Milchbauern. Grund genug, dankbar zu sein? „Das kannste wohl glauben. Der Silo ist voll, das Futter für die Tiere ist gesichert, damit kommen wir über den Winter“, sagt Michael. „Aber wenn das nächstes Jahr wieder so heiß und trocken wird, dann haben wir ein Problem.“

Nützt ihm eine Wetter-App? „Ich nehme immer drei gleichzeitig. Und wenn alles nichts hilft“, sagt er lachend, „halte ich das Handy aus dem Fenster: Wenn’s nass wird, regnet’s.“