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Großes Kino vom Kaplan

Nebel aus der Maschine, Farbensäulen aus Scheinwerfern, Animationen aus dem Videobeamer. Dazu donnert auch mal Rammstein aus großen Boxen. Nicht im Partykeller oder in der  Großraumdisko. Sondern in einer Kirche. Im Gelderner Ortsteil Veert am Niederrhein. Ein schlichter Backstein-Bau mit farbloser Verglasung. Die Gottesdienste sind voll.

Christian Olding mag diese Inszenierungen – die Farben, die Effekte, die Ästhetik. „Wir müssen raus aus den spirituellen Rumpelkammern“, sagt er. „Wir brauchen das Schaulaufen – das haben  wir in der Kirche schon immer gut gekonnt.“ Die Super-Inszenierungen haben mittlerweile andere übernommen: Popkonzerte, Fußballstadien, Freizeitparks. Das, was Kirche auch heute oft an   Gottesdiensten anbietet, war in seinen Augen „früher mal hip“. „Aber auch wir Christen können die bunten Lichter nutzen, um unsere Botschaft in Szene zu setzen.“

Olding ist katholischer Priester, ein Kaplan. Das heißt, dass der 35-Jährige nach Theologiestudium und Priesterweihe seine ersten Jahre in einer Pfarrgemeinde verbringt. Gottesdienste, Beerdigungen, Gesprächskreise, Hochzeiten, Taufen, Jugendarbeit … das volle Programm. Dass er in die Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern seine eigenen Ideen mitgebracht hat, hat eine lange Geschichte. Und die ist an einigen Punkten alles andere als bunt. Nicht mal schwarz-weiß, sondern überwiegend schwarz.

Über den entscheidenden Impuls muss er nicht lange nachdenken. Es war der frühe Tod seines Vaters. Als Olding 13 Jahre alt war, beging dieser Selbstmord. Sein beschauliches Leben im kleinen Dorf Lastrup bei Oldenburg endete abrupt. „An einem Mittwoch, ich war in der siebten Klasse.“ An dem Tag bekam er einen Stein in den Rucksack, den er lange nicht loswerden konnte. „Wem sollte ich damals mein inneres Chaos erklären?“

Letztlich war es sein Glaube, der ihm half, diesen Stein zu bewegen. Er war religiös aufgewachsen. Der regelmäßige Besuch der Gottesdienste gehörte dazu. Gerade jetzt, als er versuchte, seine Erlebnisse irgendwie in den Griff zu kriegen. Schaffte er aber lange nicht. Auch dort nicht. Er zündete Kerzen an, betete, saß still in der Bank – und „empfand nichts“. Keine Erleichterung, kein Aufatmen, keine Kraft. Irgendwann saß er unter dem großen Holz-Kreuz, an dem Jesus hing. „Diese halbnackte Leiche sah so elendig aus, wie ich mich fühlte.“

„Seelenverwandtschaft.“ Die war es, die er empfand. „Eine stille Übereinkunft zweier, die beide von ihrem Vater im Stich gelassen worden waren.“ So traurig wie das war. Dies war der Ausgangspunkt, von dem aus der angeschlagene Teenie zu einem jungen Mann wurde, der heute die Menschen mit neuen, bunten Ideen für seinen Glauben begeistert. Er begab sich auf einen Zickzack-Kurs, sagt er heute im Rückblick. „Immer zwischen der Perspektive, als Priester leben zu wollen, den Erlebnissen meiner Jugend, familiären und freundschaftlichen Bindungen.“ Ein Gefühl bildete sich heraus: „Dass ich sein darf, wie ich bin, mit allen Fehlern und Schwächen – für Gott ist das in Ordnung.“

Olding ist eigen, speziell, „manchmal auch bescheuert“. Das sagt er selbst. „Wenn ich mich aufrege, weil die Strahler beim Gottesdienst nicht ordentlich ausgerichtet sind.“ Ein wenig fühlt er sich dann wie Monk, jener pedantischanstrengende TV-Ermittler. Sein Profil mache aus ihm aber keinen schlechten Priester. Da ist er sich sicher: „Wenn ich in die Bibel schaue, finde ich viele Freaks und Chaoten – Paulus als Massenmörder oder Mose als stotternder Drückeberger.“ Er findet sich im Vergleich „relativ harmlos“.

Seine Ideen für die Gottesdienste stoßen nicht bei allen auf Begeisterung. „Pastorale Prostitution“ hat man ihm schon vorgeworfen. Klar, es gibt viele Dinge, die sind in der Kirche gesetzt. „Da will ich auch gar nicht dran“, sagt Olding. Seine Gottesdienste lassen keine Elemente aus oder verfälschen sie. „Sie sollen aber eine Alternative für die sein, die sonst nicht kommen würden.“ Deswegen setzt er sich abends an seinen Rechner und tüftelt aus Grafiken, Fotos und Filmsequenzen aufwendige Videos für seine Gottesdienste. Deswegen läuft auch die Star-Wars-Szene auf der großen Leinwand über dem Altar. Deswegen fangen sich die wechselnden Farben der Scheinwerfer im Nebel aus der Maschine. Allein das zieht aber nicht. „Es reicht nicht, sich bunt zu kleiden – koste es, was es wolle.“

Jesus muss sein, alles andere wäre Etikettenschwindel.

Die Kleidung ist für den Inhalt da. Der muss stimmen. „Keiner kommt in den Gottesdienst, nur weil wir farbige Lichter anschalten.“ Und für welche Nachricht strahlen die Scheinwerfer? „Für die frohe Botschaft Jesu.“ Hört sich nach schwer verdaulicher Kost an. Gerade für Menschen, bei denen religiöse Fragen im Alltag immer häufiger in den Hintergrund treten. „Jesus muss sein“, sagt Olding. „Alles andere wäre Etikettenschwindel.“ Sonst würde er etwas anderes erzählen, als er erlebt habe. Damit beeindruckt er. Vor allem die, die mit den traditionellen Angeboten der Kirche nicht viel anfangen können. „Ich komme sonst nicht regelmäßig hierher – aber das hier hat mich total begeistert“, sagt ein Mann Mitte Fünfzig nach dem Gottesdienst in Veert. „Spitze, so etwas brauchen wir. Bitte mehr!“, findet eine junge Frau. In den Kirchenbänken sitzen alle Altersstufen. Und nicht nur da. Oldings Gottesdienste  werden deutschlandweit gebucht. „V_the experience“ hat er sie genannt.

Olding sagt, er wisse den Grund für die Resonanz: weil er den Nerv treffe. „Weil die Menschen eine Vision bitter nötig haben.“ Eine Perspektive abseits von Leistungsdruck, vom Funktionieren – Müssen, vom Perfektionismus. So wie er sie erlebt hat, als er mit 13 Jahren kraftlos unter dem Kreuz saß. Das Gefühl, das sich daraus entwickelte, will er heute weitergeben: „Du bist genial, so wie du bist.“ Und dafür sind ihm viele Mittel recht. Besonders die bunten.