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Herbergsmutter für Heimatlose

Gerade aus dem Knast entlassen, von zu Hause rausgeflogen oder nach einer Trennung auf der Straße unterwegs. Geschichten vom Scheitern und vom Absturz tragen die meisten Gäste der Dinklager Martinsscheune mit sich herum. Schwester Johanna Wiese schenkt ihnen hier ein Dach auf Zeit.

Gerade hat die Caritas aus dem Nachbarort ein junges Paar vorbeigebracht, aus Portugal, beide keine 30 Jahre alt. Mit traurigen Augen erzählen sie von ihrem geplatzten Traum: Arbeit und Wohnung im reichen Deutschland. Und wie sie am Ende hungrig und durstig an einem Kleinstadtbahnhof gestrandet sind. Jetzt sitzen sie mit Kaffeebechern in der Hand in der Mittagssonne hinter der Martinsscheune.

Gott sei Dank war hier gerade Platz. Wie es weiter- gehen soll? Die zwei zucken mit den Achseln. „Weiß nicht“, sagt einer in gebrochenem Deutsch. „Erst mal hier bleiben.“ Die Betten sind schnell bezogen. Nudeln und ein paar Konserven hat Schwester Johanna noch im Notfallfach ihres Büroschranks. Morgen wird man weitersehen.

Schwester Johanna Wiese ist Nonne, Organisatorin, Herbergsmutter und hat ein offenes Ohr. Seit zwei Jahren leitet die Benediktinerin die Martinsscheune, ein Nebengebäude des Klosters Burg Dinklage, mitten in der Idylle des Oldenburger Landes. Galloways grasen nebenan. Sonntags ist der Burgwald voller Spaziergänger.

Nur wenige kennen die Schicksale der Menschen, die in dem unscheinbaren Fachwerkhaus Unterschlupf auf Zeit finden: umherziehende Wohnungslose, rumänische Wanderarbeiter, frisch entlassene Strafgefangene, Suchtkranke, die nach einer Therapie nicht wissen, wohin. Gäste mit Geschichten so bunt wie das Leben. Oder auch: so dunkel.

Wie die von Anne. „Du lebst doch nur noch, weil es damals schon zu spät war für eine Abtreibung.“ Die eigene Mutter hatte ihr als kleines Kind diesen Satz vor den Kopf geknallt. Heute ist Anne 52 und erzählt vom sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater, von ihrer Aussage im Prozess gegen ihn, wie ihr die eigene Familie danach Rache schwor. Und davon, wie später alles den Bach runterging, bis sie nicht mehr weiterwusste.

Oder Karl (57), der sich auf der Terrasse eine Zigarette dreht. „Rauchen, ja! Aber Alkohol? Kein Tropfen!“ Das ist dem Hünen mit dem markanten Gesicht wichtig, da wird er laut. Dann erzählt er leise und zögernd von seinem früheren Leben, von Arbeit, Haus, Frau und Kind, und von seinem Absturz. Trauer und Sehnsucht liegen in seiner Stimme. In Dinklage will er erst einmal zur Ruhe kommen.

Raum und Ruhe – genau das will die Martinsscheune bieten. Ein privater Verein hat sie zusammen mit den Schwestern des Klosters vor rund 20 Jahren eingerichtet. Platz für gut ein halbes Dutzend Menschen. Einfache Zimmer, eine Gemeinschaftsküche, Waschmaschine und Trockner. Meist für ein paar Tage, manchmal für Wochen, in seltenen Fällen auch länger.

Zur Ruhe kommen – Schwester Johanna weiß, wie wichtig das ist. „Wenn jemand längere Zeit hier ist, kommen oft ungeahnte Energien zum Vorschein, die einem helfen, zu erkennen, wo man hinwill.“ Ohne den Stress in engen Übernachtungsstellen, von dem der graubärtige Jürgen erzählt. Ohne Bürokratie oder den Druck, doch bitte endlich sesshaft zu werden. Schwester Johanna schüttelt den Kopf. „Wir sind keine Sozialarbeiter, wir lassen Menschen sein, wie sie sind, damit sie sich sortieren können.“ Damit meint sie auch die wilden Zugvögel – die Menschen, denen die Freiheit auf der Straße alles bedeutet.

Bevor sie Nonne wurde, hat sie Architektur studiert. Die Ärmel aufkrempeln, anpacken, sich schmutzig machen – das ist ihr nicht fremd. Zimperlich darf sie auch in der Martinsscheune nicht sein. Oft genug prallt hier das fromme Klosterleben auf das brutale Leben nebenan. Deshalb gelten klare Regeln: Randalierer fliegen raus. Alkohol ist tabu, Drogen sowieso.

Sie weiß, was Speed oder Crack aus Menschen machen können. Erst kürzlich brachte die Polizei ein junges Mädchen vorbei. „Sie war völlig weggedröhnt“, sagt die Ordensfrau. „Den Schmerz in den Augen des Vaters zu sehen, der sie dann abholte – da krieg‘ ich heute noch eine Gänsehaut.“

Täglich kurz nach Mittag schaut sie im Aufenthaltsraum vorbei, sitzt in Ordenstracht mitten unter den Gästen. Der Duft frisch gebrühten Kaffees durchzieht den Raum, auf dem Tisch stehen Gebäck und Aschenbecher. Jürgen sortiert seine Wäsche. Die Gespräche kreisen um Alltagsdinge. Wer kommt neu? Wer hat was von wem gehört?

„Du, Johanna, warum machst du das eigentlich?“ Gerade über solche Fragen freut sich die Benediktinerin. „Weil die Diskussionen danach oft tiefer gehen: Was trägt Menschen? Was bedeutet Gastfreundschaft? Der Sinn des Lebens.“ Ab und zu kommt jemand mit zum Abendgebet ins Kloster. Kurz nach Ostern hat sich eine junge Frau sogar taufen lassen.
Beim Kaffee erfährt Schwester Johanna auch, wo sie zusätzlich jemanden unterstützen kann, die Kurve zu kriegen. Wie den jungen Mann, der aus der Suchttherapie geflogen war. Für eine zweite Chance sollte er seinem Bewährungshelfer eine Begründung schreiben. Sie half ihm beim Formulieren. Manchmal fährt sie auch mit zu Behörden, wegen Anträgen oder einem Job.

Als Architektin kennt sie Handwerker, konnte Gästen auch schon mal Arbeit besorgen. Nicht immer sind die Erfolge von Dauer, ab und zu gelingt es trotzdem. Einer macht gerade eine Ausbildung zum Koch. Mittlerweile hat er sein erstes Lehrjahr hinter sich, lebt in einer eigenen Wohnung. Schwester Johanna strahlt: „Solche Dinge passieren hier einfach. Nicht, weil wir das leisten, sondern, weil der Ort da ist.“

Doch auch Scheitern gehört dazu. Wenn der Wille groß ist, aber nicht ausreicht, um zum Beispiel eine Sucht zu besiegen. Wie geht sie damit um? „Da hilft eine gewisse Lebensreife“, sagt die 45-Jährige. „Zu wissen: Ich kann nicht jeden retten.“ Und ihr Glaube: „Dass ich nicht letztverantwortlich bin, sondern dass da noch einer ist.“

Im Hof streunt ein Kätzchen zwischen den Terrassenstühlen herum, lässt sich für einen kurzen Moment von den Gästen streicheln. Schwester Johanna lächelt. „Auch die saß irgendwann vor der Klosterpforte. Mal sehen, wie lange sie bleibt.“