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Den Ruf hat der Hochhauskomplex weg: „Sozialer Brennpunkt“ nennen ihn die Menschen in Herten. Die Schürmannswiese, ein riesiger Wohnblock aus neun Häusern, 168 Wohnungen, 55 Garagen. Mit 500 Bewohnern, zum Großteil Migranten und Flüchtlinge. Albaner, Afghanen, Libanesen, Iraker, Syrer. Der Weg durchs Treppenhaus bis in den zehnten Stock gleicht einem Trip durch die Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt. Aber „brennt“ es deshalb wirklich hier? Ein Blick hinter die Fassaden.

Die Kreuzung mitten in Herten ist für viele Pendler im Ruhrgebiet ein wichtiger Knotenpunkt: im Süden nach Oberhausen, im Osten nach Recklinghausen, im Norden nach Marl, im Westen nach Essen. Es ist laut hier. Bahndamm und Busbahnhof in der Nähe tun ihr Übriges. Die Hochhäuser wirken wie ineinander geschoben, die Übergänge sind verschachtelt. Dazwischen Tiefgaragen, Müllsammelstellen, Waschbetonplatten – sozialer Wohnungsbau aus den 1970er Jahren.

„Das hier is Ghetto“, rufen zwei junge Männer einem orientierungslosen Besucher zu und laufen lachend weiter. In der Tat fühlt man sich in eine abgegrenzte Welt versetzt, in ein Viertel mit anderen Gesetzmäßigkeiten. Ein Wirrwarr, in dem man lange nach der richtigen Hausnummer und Klingel suchen muss. Die Balkone lassen erahnen, wie vielseitig das Leben hinter den Fenstern ist. Der orientalische Teppich wird gelüftet, farbenfrohe Bettwäsche weht im Wind, ein Schalke-Sonnenschirm wackelt ein Geländer weiter.

Unvermittelt stellt sich das Gefühl ein, dass hier nur jene leben, die das müssen. Weil es keine Alternative gibt. Das war wirklich mal so. Der Grünstreifen hinter den Müllcontai­nern wucherte und zog die Drogenszene an. Unrat türmte sich auf der Straße. Kinderreiche Familien brachten Unruhe und Durcheinander. Regelmäßig kamen Ordnungsamt und Polizei. Der Ruf war schnell ruiniert, ein Schandfleck im Stadtbild entstanden.

„Da flog auch schon mal ein Müllsack aus dem offenen Fenster des zehnten Stocks aufs Garagendach“, erinnert sich Uli Warschkow. Der ehemalige Hausmeister konnte lange erleben, wie sich das negative Bild der Schürmannswiese entwickelte – aber auch, wie sich immer mehr Menschen dagegen stark machten.

„Irgendwann war klar, dass sich etwas tun musste“, sagt er. „Wenn die Bausubstanz leidet, leidet auch die Atmosphäre.“ Oder anders: In der immer maroder werdenden Kulisse wurde auch das Miteinander immer schwieriger. Ordnungs- und Reinigungspläne waren der erste Ansatz. 2002 schließlich gründete sich der Verein „Wir – in der Schürmannswiese“. Warschkow war eines der 30 Gründungsmitglieder.

Die Initiative bekam immer mehr Zulauf aus der Nachbarschaft. „Weil sie funktionierte“, sagt Warschkow. Das Angebot entwickelte sich. Erfolgreich machten sie sich für den Bau eines neuen Spielplatzes stark. Paten kümmerten sich um dessen Pflege. Man grillte zusammen, feierte Straßenfeste. Ein Garten mit Hütte und Teich in der Nähe wurde zum Treffpunkt, Hausaufgaben-Betreuung organisiert. Alles ehrenamtlich, alles durch Spenden finanziert. „Jetzt lernten sich Menschen kennen, die sich vorher nur vom Gruß auf dem Flur kannten – oder vom Nachbarschaftsstreit.“

Diese Impulse wirken bis heute. „Es ist viel ruhiger geworden“, sagt Warschkow. Das wuchernde Grün ist einem weiteren Spielplatz gewichen. Als das „Goldene Fass“, die Eckkneipe in einem der Hochhäuser, geschlossen wurde, zog der „Cliquentreff“ dort ein. „Es ging darum, die Jugendlichen aus den Schmuddel-Ecken der Schürmannswiese zu holen“, sagt Frank Armoneit, Sozialarbeiter der Stadt Herten. Heute machen die Jugendlichen bei ihm ihre Hausaufgaben, basteln und spielen. Vom Elterntreff, den er organisiert hat, ist er heute noch begeistert. „Beim gemeinsamen Essen erfahre ich oft, warum die Kinder so sind, wie sie sind.“

Die Hilfs- und Unterstützungs-Strukturen sind weiter gewachsen. Die Arbeiterwohlfahrt bietet einen Senio­rentreff in eigenen Räumen an. Diakonie und Caritas haben ein Familienbüro direkt nebenan. Nur wenige Treppenstufen entfernt gibt es eine Schuldnerberatung, Förderprogramme für Kinder und Jugendliche sowie Betreuungsangebote. Das Spielmobil der Stadt kommt einmal die Woche. Es ist ein breites Spektrum aus ehren- und hauptamtlichen Hilfen entstanden.
Schwester Stefanie ist diesen Weg über Jahrzehnte mitgegangen. Die Franziskanerin war 14 Jahre Mieterin in der Schürmannswiese. Sie zog hierhin, um die Menschen mit ihren Sorgen an ihren Küchentisch einzuladen. Die Stühle dort waren fast ununterbrochen besetzt. „Auch mal nachts.“ Zum Tee oder Kaffee gab es Seelsorge – rund um die Uhr.

Die 73-Jährige ist inzwischen umgezogen, in eine altengerechte Wohnung eine Straße weiter. Die Menschen aus den Hochhäusern aber kommen immer noch zu ihr. Die Schicksale haben sie nicht losgelassen. Deshalb hat sie kürzlich eine Ausbildung gemacht, um ihnen bei der Verarbeitung von Krisen zu helfen. Etwa der Irakerin, die vor ihrer Familie fliehen musste, weil sie den falschen Mann liebte. Schwester Stefanie umarmt sie, lässt sie reden, trocknet ihre Tränen. „Gewalterfahrungen, Entwurzelung, Heimatlosigkeit sind zentrale Themen“, sagt sie. „Fast hinter jeder Wohnungstür steckt eine traurige Geschichte.“

Aber eine Tür öffnen die Kinder trotzdem gern: Haus Nummer 89, zweite Etage, rechts. Dort wartet Uli Warschkow als Pensionär immer noch jeden Nachmittag mit einigen Helfern. Der Verein „Wir – in der Schürmannswiese“ ist hier eingezogen. Etwa 15 Kinder pauken dort für bessere Schulnoten. Es wird gebacken, gebastelt, gespielt. „Und es gibt immer frisches Obst“, sagt die 14-jährige Elena aus Syrien. Sie grübelt gerade über einer Rechenaufgabe. „Überleg mal“, gibt Warsch-kow ihr einen Tipp. „Je mehr Kartoffelsäcke gekauft werden, desto billiger sollen sie werden.“

Atmosphäre und Erscheinungsbild der Schürmannswiese haben sich in den vergangenen 20 Jahren stark geändert. Dafür hat auch die Hausverwaltung gesorgt. Das wenige Grün zwischen den Betonflächen wirkt gepflegt. Wichtige Renovierungen an Fassaden und in Wohnungen werden erledigt. Gut Wetter sei hier trotzdem nicht immer und überall, sagt Warschkow. „Das wäre aber auch absurd in einer solchen Wohnsituation.“ Den Nachbarschaftsstreit gibt es genauso wie in jedem anderen Mehrfamilienhaus. „Und das mit dem Müll haben wir noch nicht im Griff.“ Obwohl er kürzlich noch mit einem Dolmetscher von Tür zu Tür gegangen ist und die deutsche Mülltrennung auf Arabisch erklärt hat. Der Papiercontainer wurde letztens trotzdem abtransportiert, weil immer zu viel anderer Abfall darin war.

Für das Vorurteil „sozialer Brennpunkt“ wirkt so etwas wie ein Brandbeschleuniger. „Dagegen können wir nichts machen“, sagt der ehemalige Hausmeister. „Da muss nur wieder ein Streifenwagen vor einem der Häuser stehen, und die Leute denken sonst was.“ Wie letzte Woche noch. „Aber da hat die Polizei nur Pendler geblitzt, die über Rot fuhren.“