close

Er sollte sterben, so war es geplant. Aber er überlebte seine Abtreibung. Tims Geschichte machte Schlagzeilen und grenzt an ein Wunder. Er war das „Oldenburger Baby“, ein Säugling mit Down-Syndrom. Für den Schwangerschaftsabbruch wurde eine Frühgeburt eingeleitet. Stunden später atmete er immer noch. Im Juli wird Tim 21 Jahre alt. Ein Besuch bei der Familie, die ihm ein neues Leben schenkte.

Seid Ihr wahnsinnig?“ Simone und Bernhard Guido hatten Freunde gefragt, Experten, Verwandte. Die meisten rieten ihnen von ihrem Plan ab, Tim bei sich aufzunehmen. „Ein behindertes Baby?“ Aber da war es schon zu spät, da war der Funke längst übergesprungen. Zwanzig Jahre später lächelt Simone Guido: „Es war genau das Richtige!“ Montagnachmittag, kurz nach vier. Eine Kerze und eine Tasse Kaffee auf dem Holztisch ihrer Wohnküche in Quakenbrück in der Nähe von Dinklage. Kinderfotos auf der Fensterbank, Familienhund Theo schläft nebenan. „Tim muss jeden Moment von der Arbeit kommen“, sagt Simone Guido. Ein paar Minuten später stapft ein junger Mann herein. Die Pflegemutter nimmt ihn kurz in den Arm und hilft ihm aus dem Pullover. Schnell ein Schluck Saft, dann verzieht er sich in den Wintergarten. Der Tag in der Heilpädagogischen Werkstatt sei anstrengend, „da braucht er erst mal Zeit für sich“, erklärt die Mutter.
„Es war genau das Richtige!“ Die Guidos spürten das sofort. Als Tims blaue Augen sie zum ersten Mal anstrahlten, auf der Intensivstation der Oldenburger Kinderklinik. 1997, kurz vor Weihnachten, nach dem Anruf vom Jugendamt: „Wir hätten vielleicht ein Pflegekind für Sie.“ Sie und ihr Mann müssen Schutzanzug und Mundschutz tragen und dürfen dennoch nur bis in den Flur. Eine Schwester zeigt ihnen ein Bündel Mensch hinter einer Glasscheibe. Eine kurze Begegnung, die alles verändert. Schnell steht für sie fest: Wir wollen dem Kind ins Leben helfen! Dem Jungen mit der Diagnose Down-Syndrom, dessen Mutter sich damit überfordert fühlte. Mehr wissen sie da noch nicht.

Sie haben noch keine Ahnung von Tims Schicksal, das im Sommer davor durch die Schlagzeilen gegangen war. Das Schicksal des „Oldenburger Babys“, das eine so genannte Spätabtreibung  überlebt hatte, in der 25. Woche. Eigentlich sollte Tim langsam sterben, an Mangelversorgung, Kälte und Entkräftung. So lautet die grausame Logik dieser Form eines Schwangerschaftsabbruchs. Tims leibliche Mutter hatte nach der Diagnose Down-Syndrom gedroht, sich umzubringen. Sodass die Ärzte keinen Ausweg sahen und alles für den „Eingriff“ in die Wege leiteten. Aber Tim klammert sich ans Leben! Nach vielen Stunden beschließen die Ärzte, ihm doch dabei zu helfen, dem Kind, das keiner will. Oder besser: noch keiner will. Denn Simone und Bernhard Guido wollten Tim! Auch wenn sie sich die Sache vorher anders vorgestellt hatten. „Wir könnten doch ein Pflegekind aufnehmen“ – so lautete ihre Idee. Mit den beiden eigenen Jungs Marco und
Pablo, damals 6 und 3, lief es ganz gut. Warum also nicht? Sie hatten „Mädchen“ und „nicht behindert“ als Wunsch angekreuzt, ohne lange zu überlegen. Simone Guido lächelt. Und dann kam Tim.

Gott spielt eine große Rolle für uns. Wir haben immer gespürt: Da ist jemand, der uns stützt.

Tim, die Herausforderung. Die Pflegemutter erzählt von seinen Handicaps. Dem Autismus, seiner Unfähigkeit zu sprechen oder der Magensonde. „Er bekommt Astronautennahrung“, erklärt sie, „eine Mischung aus Kohlehydraten, Fett, Vitaminen und Ballaststoffen“. Seine Gesundheit hängt am seidenen Faden. Fast 20 Mal wurde er schon operiert, zuletzt 2013. Durchwachte Nächte, zahllose Stunden in Wartezimmern, Sorgen, Ängste. „Es ist viel Arbeit, aber nie zu viel.“ Die 53-Jährige schüttelt den Kopf und spricht von ihrem Gottvertrauen. „Wir sind zwar nicht so die  Kirchgänger“, sagt sie. „Aber Gott spielt eine große Rolle für uns. Wir haben immer gespürt: Da ist jemand, der uns stützt.“ Und da ist ja auch noch Tim, der Sonnenschein. Simone Guido erzählt von der engelgleichen Geduld, mit der er all die Therapien und Eingriffe der letzten Jahre habe über sich ergehen lassen. Von Tims Freude über Kleinigkeiten. Mittlerweile spricht er sogar einige
Wörter. Sie weiß seine Laute und Gesten sicher zu deuten. „Er kann ziemlich gut ausdrücken, was er möchte und was nicht.“ Welches Spielzeug er haben will, ob er Hunger hat, „und er versteht alles.“ Die Pflegemutter genießt es, wenn sie sieht, dass es ihm gut geht. Wenn er auf dem Trampolin herumhüpft oder versonnen mit seinen Frisbee-Scheiben spielt. „Es war genau das Richtige.“ Sonst hätte Simone Guido auch einen der schönsten Momente nicht erlebt: den Tag, an dem Tim laufen lernte, bei einer Delfintherapie. Die Familie versucht, dafür alle zwei Jahre einen Flug
auf die Karibikinsel Curaçao zu organisieren. Noch mit fünf bewegte sich Tim nur im Sitzen fort. „Manche sagten: Das wird nichts. Setzt ihn doch einfach in einen Rollstuhl.“ Aber die Guidos gaben nicht auf. Mit sechs Jahren ist es endlich so weit, auf Curaçao. Tim macht seine ersten Schritte.

Was wäre, wenn? Manchmal fragt sich die Mutter, was aus Tim geworden wäre, wenn er als ganz normaler Junge mit Down-Syndrom auf die Welt gekommen wäre, ohne die Folgen des Schwangerschaftsabbruchs. „Ich glaube, er wäre ein ganz Fitter geworden“, vermutet sie. Was wäre, wenn? Eine Frage, die sich Simone Guido ab und zu aber auch noch anders stellt: Was wäre aus Tim geworden, wenn er in einem Heim aufgewachsen wäre? „Ich glaube, dass er nicht so alt geworden wäre“, meint sie nachdenklich. „Weil wir spüren, wie wichtig für ihn feste Beziehungen sind. Und weil man Warnsignale seiner Gesundheit nur erkennt, wenn man ihn sehr gut kennt.“

Manchmal denkt sie an Tims leibliche Eltern. Die Mutter lebt nicht mehr. Der Vater habe sich zuletzt an Tims 18. Geburtstag gemeldet, vorbeikommen wollte er nicht. „Er hat das Ganze immer noch nicht verkraftet“, vermutet Simone Guido. Vorwürfe macht sie den Eltern nicht. „Sie waren ja selbst auch Opfer.“ Opfer ihrer eigenen Lebensumstände, ihrer Mutlosigkeit, ihrer Umgebung, „die sie nicht bestärkt, sondern Druck aufgebaut hat“. Den Guidos dagegen hat Tim sogar noch mehr Mut gemacht – und Lebensglück geschenkt. Nach Tim haben sie zwei weitere Pflegekinder
mit Down-Syndrom aufgenommen: Naomi (13) und Melissa (17). Simone Guido strahlt, als Naomi „Aramsamsam“ anstimmt und Tim begeistert und laut lachend im Takt mitklatscht. Jetzt, wo die leiblichen Söhne aus dem Haus sind, sorgen die Drei für Leben in der Bude.