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Umweltfreundlicher Antrieb

Bastian Röwekamp macht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) auf Hof Lohmann in Freckenhorst bei Warendorf. Für nicht einmal 400 Euro im Monat jätet er Unkraut, mistet aus, erntet. Dreck, Schweiß und Gestank gibt‘s obendrauf. Doch die Atmosphäre und die Idee hinter seinem Einsatz wiegen alles wieder auf. Bastian macht das zusammen mit 65 Menschen mit Behinderung, die in der Caritas-Einrichtung leben und arbeiten.

Das wäre ihm vor einem Jahr nicht passiert: Um kurz nach sieben sitzt er entspannt in seinem kleinen Polo. Das ostwestfälische Neubeckum hat er hinter sich gelassen, über die Landstraße geht es flott Richtung Bauernhof. Dort ist bald Frühstückszeit für die Schweine, Ziegen, Pferde, Hühner und Schafe. „Zum Glück haben wir keine Kühe – dann müsste ich noch viel früher raus“, sagt Bastian Röwekamp. Früh raus aus dem Bett war bis zum Sommer 2017 nicht so sein Ding. „Ich habe mich lieber noch einmal umgedreht und auch mal die erste Schulstunde verpennt.“ Das glaubt man dem stämmigen jungen Kerl gern. Er ist keiner, der im Sportunterricht der Erste sein wollte.

Ich weiß, wofür ich morgens aufstehe.

Keiner, der unbedingt den besten Abi-Durchschnitt wollte. Keiner, der viel und laut redet, um bei anderen anzukommen. Pauken für die Klausuren war auch nicht sein Ding. „Da war schon viel Zwang und Druck dahinter.“ Und die Frage: Was dann? Reinhängen für gute Noten – aber fürs Leben? Das ist jetzt anders. „Ganz anders“, sagt der 19-Jährige. „Ich weiß, wofür ich morgens aufstehe.“

Die Stimmung im Umkleideraum von Hof Lohmann liegt ihm offensichtlich mehr als die in der Schulklasse. Die Menschen mit Behinderung haben einen besonderen Umgangston. Die Begrüßung ist herzlich, auch mal laut und überschwenglich. „Stören? Nee! Hier zeigt jeder ganz ehrlich, was er fühlt.“ Dann wird es halt lebhafter. „Ist mir aber lieber, als wenn hinter dem Rücken erzählt wird.“

„Na, alles fit?“ Dieser Gruß etwa kommt morgens immer vom gleichen Kollegen. „Logo! Und bei dir?“ Bastian grüßt auffallend laut zurück. Das hat seinen Grund: „Er hört schlecht – wenn er es aber nicht mitbekommt, kann er den ganzen Tag sauer sein.“ Ehrliche Menschen eben. Bastian nimmt die schweren Boots mit den Stahlkappen. „Mir ist mal ein Schwein auf die Zehen getreten“, sagt er. „Auf den Schmerz kann ich gut verzichten.“ Zusammen mit einem Kollegen mit Behinderung geht es zu den Tieren. Erst die Schafe auf der Weide, die zurückhaltend auf das Kraftfutter warten. Die Ziegen sind da anders. Die rennen ihn fast um. Und die Schweine werden richtig wild, als er ihren Stall betritt. Die Pferde sind bereits gefüttert. Aber der Mist muss noch raus aus ihren Boxen.

„Ekelig war das nur am Anfang“, erzählt Bastian von seinem Start im August letzten Jahres. „Ich habe mich schnell dran gewöhnt.“ Nur bei den Schweinen macht er diese Arbeit immer noch nicht gern. „Da stinkt´s schon gewaltig.“ Bevor er sich im Büro vom Betriebsleiter den nächsten Arbeitsauftrag abholt, portioniert er das Futter noch in große Eimer. Für jedes Pferd vier Kilo Gras-Silage. „Da muss ich vorarbeiten, sonst geben meine Kollegen nur ihrem Lieblingspferd genug.“ Bastian weiß mittlerweile, dass er die Menschen mit Behinderung etwas führen muss. „Ist aber alles locker.“

Sein nächster Auftrag heißt „Grünkohl ernten“. Der kleine rote Traktor wird gebraucht. Etwas altersschwach rumpelt er über den Feldweg. Zu viert geht es durch die Matsche zwischen den Pflanzenreihen. Es ist kalt, es ist diesig, es ist schmutzig. Sieht so der Traum eines 19-Jährigen aus? Drecksarbeit für einen Abiturienten? Und das für ein Taschengeld?

Oder steckt am Ende ein echter Öko in Bastian? Jetzt muss er lachen. „Auf keinen Fall!“ Er hatte nie die Haare lang oder Sandalen an, sagt er. „Und mein Bart wächst seit einigen Wochen nur, weil ich zu faul bin, ihn zu rasieren.“ Ein Idealist ist er trotzdem, gibt er zu. „Aber kein radikaler.“ Sich für Umwelt und Natur einzusetzen, sei heute Mainstream. „Mit meiner Idee, ein Jahr freiwillig auf einem ökologischen Bauernhof zu arbeiten, kommen meine Freunde alle klar.“

Bastian sagt, dass „öko“ heute irgendwie hipp ist – egal bei wem. Die anderen FÖJ´ler, die er bei den begleitenden Seminaren trifft, kommen aus unterschiedlichen Bereichen. „Richtige Öko-Freaks sind keine dabei.“ Wohl aber junge Menschen, denen die Natur etwas bedeutet. Die den Umweltgedanken in irgendeiner Form auf ihrer Agenda haben. Für Bastian ist der Gedanke in den vergangenen Wochen konkreter geworden. „Ich möchte Landwirt werden – einer, der bei allen wirtschaftlichen Zwängen die Natur nicht vergisst.“

Heute muss er noch die Plane über das Erdbeerfeld ziehen, nach den Hühnern schauen, einen Gabelstapler aus dem Matsch ziehen und Zwiebeln verpacken. Zum Abschluss werden noch einmal die Tiere gefüttert. Am Nachmittag geht’s mit dem Polo zurück zum Elternhaus in Neubeckum. „Du bist unglaublich ausgeglichen“, hat ihm seine Mutter schon nach wenigen Wochen im FÖJ gesagt. In Schulzeiten war er öfter gelangweilt, schlecht drauf, auch mal aufbrausend. Heute kommt er entspannt heim. Bastian kennt die Gründe: „Die Tiere, viel Natur und viel, viel frische Luft.“ Auch der Kontakt zu den Menschen mit Behinderung tut ihm gut. „Es ist einfach easy, nicht so hektisch, halt entspannt.“

Selbst als ihm schon an einem der ersten Tage auf Hof Lohmann der Radlader mit einer Schaufel voll Getreide umkippte, war das so. Der Chef kam zu ihm, sagte „Scheiße“ und „Wieder hinstellen!“ Damit war die Sache durch. Diese lockere und direkte Art genießt er. Sie passt zu ihm. Er scheint seinen Platz gefunden zu haben. Zwischen Stall ausmisten, Unkraut jäten und Trecker fahren.

TEXT UND FOTOS VON MICHAEL BÖNTE