close

Mit heißem Kaffee über den Strich

Auf dem Straßenstrich im Südosten von Münster stehen die Frauen in Turnschuhen, nicht in High-Heels. Kein Glitzern, kein Funkeln. Hier geht es um wenig Geld, um die schnelle Nummer, um billigen Sex. Seit einigen Jahren kommen aber auch Menschen, denen es um etwas anderes geht. Sie bringen heißen Kaffee mit.

Eine Thermoskanne, Becher, einige Kondome, Visitenkarten – mehr ist nicht drin im Stoffbeutel. Yanica hat ihn mitgebracht. Sie trifft die beiden Initiatoren des Projekts Marischa, Elisa* und Josef*, bei einbrechender Dunkelheit nahe dem Bahndamm. Die nächs-ten Stunden geht es für die drei entlang der Straße, die sich durch das Gewerbegebiet zieht. Sie rechnen damit, etwa zehn Prostituierten zu begegnen, mit ihnen zu sprechen, Hilfe anzubieten. Das ist seit sechs Jahren die Idee der Initiative.

Yanica ist Sozialpädagogin. Sie ist die Einzige, die hauptamtlich im Projekt Marischa arbeitet. Ihre halbe Stelle wird von der Stadt Münster bezahlt. Angesiedelt ist sie im Gesundheitsamt. Yanica ist ein Glücksfall, sagen alle. Nicht nur, weil das Projekt mit ihrer Anstellung vor gut zwei Jahren einen wichtigen offiziellen Rahmen bekam. Es war auch eine Anerkennung der jahrelangen Arbeit der ehrenamtlichen Initiatoren. Sie bringt die richtige Mischung aus Fachwissen und Einfühlungsvermögen mit. Und sie spricht neben Deutsch auch Bulgarisch. Die meisten Frauen, denen sie auf dem Strich begegnen, sind Roma aus Bulgarien.

„Sie kommen völlig mittellos hierher, ohne irgendeine andere Perspektive.“ Yanica kennt einige Lebensgeschichten der Prostituierten. Bildung fehlt ihnen, die Gesellschaft grenzt sie aus, familiäre Gewalt und Armut sind oft ihre Begleiter. „Wenn sie hören, dass es in Deutschland die Möglichkeit gibt, für Sex Geld zu bekommen, empfinden sie das als sozialen Aufstieg.“ Für die Familie, einen Freund oder den Ehemann bedeutet es das ebenfalls. Sie sind es, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Sie zwingen, kassieren mit, üben Druck aus. Das System funktioniert. „Weil viele der Frauen in ihrem Leben noch nie etwas anderes erlebt haben.“
Die erste Prostituierte ist zu sehen, angelehnt an eine Laterne. Ein klassisches Bild, aber weit weg von der Romantik eines Gemäldes. Die feuchtkalte Herbstluft dringt durch die viel zu dünne Fleece-Jacke. Sie trägt Turnschuhe zur Jeans. Offenes Haar, rot geschminkter Mund, große Ohrringe. Das, was in diesem Augenblick aber am meisten auffällt, ist ihr Lächeln. Sie freut sich über den außergewöhnlichen Besuch.

„Wir kommen wie Menschen aus einer anderen Welt“, beschreiben Elisa und Josef diese Momente. „Das, was geschieht, kennen die Frauen sonst nicht.“ Eine liebevolle Umarmung, eine Tasse Kaffee, ein wenig Smalltalk. Für einen Moment steht nicht der Zwang, Geld zu verdienen, im Vordergrund, sondern die Begegnung ohne Hintergedanken. „Nur so kann Vertrauen entstehen.“

Vertrauen, das die Grundlage für jede weitere Begegnung ist. Das lernten die Initiatoren des Projekts von Beginn an. Elisa und Josef studierten 2012 Theologie und kochten in ihrer Freizeit bereits für Obdachlose. Auf die Idee, etwas für Prostituierte zu machen, kam Elisa, als sie von einem freiwilligen Einsatz im Ausland zurückkehrte. „Ich habe ein Projekt in Mexiko kennengelernt, in dem Kinder von Prostituierten betreut wurden“, erinnert sie sich. „Ich erfuhr, dass die Frauen oft direkt nach ihrer Entbindung wieder auf den Strich mussten.“

Zurück in Münster wollte sie aktiv werden, als ihr bekannt wurde, dass es auch dort einen Straßenstrich gab. „Wir sind dann ein wenig naiv an die Sache herangegangen“, erinnert sich Josef. „Ein paar Informationen von ähnlichen Projekten in anderen Städten hatten wir, aber worauf genau wir uns einließen, wussten wir nicht.“ Im April 2013 gingen sie das erste Mal zu den Frauen am Bahndamm. Mit einer Thermoskanne Kaffee im Jutebeutel. Das ist bis heute so geblieben.

Mit dabei war damals eine große Unsicherheit. Wie würden die Frauen, die Männer im Hintergrund und die Freier reagieren? „Ich war total aufgeregt“, sagt Elisa. Sie betraten eine Welt mit unbekannten Gesetzen. „Wir hatten immer einen Fahrer im Hintergrund, der uns bei Gefahr mit dem Auto abgeholt hätte.“ Das musste er nie. „Die Begegnungen waren zwar oft nervös und unbeholfen, aber nicht aggressiv.“

Das sind sie nie geworden. Obwohl der Druck, der auf den Frauen liegt, fast immer spürbar ist. Auch heute ist das den Prostituierten anzumerken. Die Frau an der Laterne tippt auffällig oft mit ihren lackierten Fingernägeln auf ihrem Handy herum. Womöglich wird sie erinnert, dass sie hier ist, um Geld zu verdienen, nicht um zu quatschen. Freier könnten abgeschreckt werden. Das Geld würde am Ende der Nacht fehlen. 50, 30 oder 20 Euro für den Sex im Auto oder in der dunklen Ecke ein paar Meter weiter. „Wenn die Nacht schlecht war und sie das Geld unbedingt brauchen, dann nennen sie auch einen niedrigeren Preis.“

Eine Wirklichkeit, die Elisa und Josef damals anspornten, ihr Projekt voranzutreiben. Sie knüpften Kontakte zum Gesundheitsamt, zu Ärzten und Sponsoren. Und sie erreichten immer wieder junge Menschen, die sich ehrenamtlich einbrachten. Es sind oft Studierende der sozialen Arbeit. Die Gruppe wuchs, das Projekt wuchs, die Akzeptanz in der Öffentlichkeit wuchs.

„Weil die Idee mich begeistert hat“, sagt Maron*, ein 42-jähriger Theologe, der schon lange mitarbeitet, zu seinem Antrieb. „Es ist der Anfangspunkt jeder sozialen Arbeit – dem Menschen zu begegnen, ohne ihn umkrempeln zu wollen.“ Die Verantwortung für ihren Weg bleibt bei den Frauen. „Wir wollen sie nicht aus ihrer Situation retten.“ Die Prostituierten nehmen ihr Leben anders wahr als die Helfer. „Das ist ihre Normalität, die sie nicht in Frage stellen können.“

Es geht nicht um den großen Umschwung, sondern um Hilfen in ihrer Lebenslage. Dazu gehören manchmal einfach nur geschenkte Kondome, wenn den Frauen das Geld dafür fehlt. Über diesen Kontakt entsteht aber oft mehr. Arztbesuche werden organisiert, Behördengänge begleitet, die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt intensiviert. Aufklärungsarbeit gehört dazu. Und die Wohnungssuche oder die Begleitung von Schwangerschaften. Das Wichtigste aber sei, den Frauen zu erklären, wie die hiesige Gesellschaft funktioniere, ihnen zu zeigen, wo Rechte und Pflichten lägen, sagt Yanica. „Nur so können sie ihre Lebenssituation nach und nach verstehen – eventuell Veränderungen wagen.“

Es gab viele Momente, in denen etwas aufgebrochen ist, erinnern sich Elisa und Josef. „In denen etwas geschah, das zeigt, dass sich für die Frauen neue Perspektiven ergeben.“ Da war der Zuhälter, der mit ihnen und der Prostituierten gemeinsam in seinem Auto zum Arzttermin fuhr, weil gerade kein anderes Fahrzeug zur Verfügung stand. Zu Weihnachten schenkte ihnen eine Prostituierte einmal eine selbst hergestellte Seife. Mit einigen Kindern der Frauen konnten sie neulich über den Send gehen, das große münstersche Volksfest.

Elisa und Josef kommen heute noch nach Münster, um das Projekt zu unterstützen. Auch wenn es sie beruflich längst in andere Städte verschlagen hat und neue Helfer nachgerückt sind. „Der Weg zu den Prostituierten in Münster bleibt unser Baby“, sagen sie. Es ist ein langer Weg zu ihnen, den sie jedes Mal von Neuem einschlagen. Auch heute endet der nächtliche Einsatz der drei Helfer erst nach drei Kilometern, am Ende des Straßenstrichs. Sie treten aus der Welt voller eigener Gefühle, Gesetze und Perspektiven heraus. Sie werden wiederkommen, mit heißem Kaffee.

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.